Was Gehirn und Kommunikation verbindet

Wie unser Gehirn funktioniert, wissen wir immer besser. Zumindest glauben wir das. Daher übertragen wir mittlerweile Erkenntnisse aus der Hirnforschung auf andere Bereiche. Denken wir an die systemischen Ansätze zu autopoeitischen Systemen, die sich aus unserem Wissen über die neuronalen Netzwerke unseres Gehirns speisen. Oder gar an den Abschied von Wahrheit, da unser Gehirn nicht die Realität spiegelt, sondern sich vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Unser Gehirn ist umso leistungsfähiger, je besser die neuronalen Areale verdrahtet sind. In diesem vernetzten Gebilde gibt es nach aktuellem Stand der Wissenschaft weder ein Zentrum noch eine Hierarchie, die von oben Signale in alle Areale sendet. Vielmehr vernetzen sich Gehirnareale ohne Knotenpunkte direkt.

Wenn wir auf die Kommunikation in Organisationen blicken, zeigt sich ein anderes Muster. Hier verläuft vieles top-down: Im Gegensatz zu unserem Gehirn etablieren sie hierarchisch geordnete Organigramme, die Kommunikationswege vorgeben. Spontanes Vernetzen ist in dieser Welt nicht angesagt. Vielmehr werden Informationen meist durch den Sprachwolf gedreht, Verlautbarungen kreiert und über den Hub kommuniziert.

Neben der Hierarchie steht ein anderer Begriff einer Gehirn-analogen Kommunikation im Weg: Macht. Unser neuronales Netzwerk kann Impulse nicht blockieren, weil eine Nervenzelle nicht mitspielt. Im Gegenteil: je stärker der biochemisch-elektrische Impuls, umso mehr wird gefeuert. Dagegen ist Kommunikation oder besser: Nicht-Kommunikation in Organisationen nach wie vor ein zentrales Machtinstrument. Wahrscheinlich sogar das stärkste.

Führungskräfte spielen beide Karten aus, Macht und Hierarchie. Diese Form der Kommunikation prägt das System, in dem sie agieren. Denn Führung ist jenseits aller Theorien zuallererst eines: Kommunikation und nochmals Kommunikation. Rahmen erzeugen, Sinn stiften und Menschen einbinden, das geht nur über Kommunikation. Sie wirkt im guten wie im schlechten.

Im letzteren Fall laufen Befehle oder freundlicher ausgedrückt: Anweisungen dnicht ins Leere, weil wir uns an hierarchische Systeme angepasst haben. Nur entfachen sie nicht die Kraft vernetzter Kommunikation. Wenn unser Gehirn umso besser funktioniert, je verdrahteter es ist, gilt dies erst recht für Kommunikation. Je mehr Menschen sich (jenseits von Knotenpunkten) verbinden, umso mehr leistet eine Organisation. Eigentlich trivial. Und ebenso trivial ist: Der wachsenden Komplexität unserer Welt können wir nicht mit linearer, sondern nur mit vernetzter Kommunikation begegnen. Die Materie unseres Gehirns mag simpel strukturiert sein – seine überragende Leistungsfähigkeit steht und fällt mit der Art und Weise, wie gut es verdrahtet ist.

Von diesem Zustand sind wir noch meilenweit entfernt, allen Evangelisten partizipativer Organisationsstrukturen zum Trotz. Die Angst vieler Knotenpunkte, sprich: Führungskräfte, ihre Stellung zu verlieren, ist mächtig. Genauso wie die Mechanismen vieler Abteilungen, sich vor Sorge um ihre Zukunft einzubunkern.

Wie wir uns aus der Zwickmühle alter Wirkmechanismen verabschieden?  Dazu müssten wir unsere mentalen Einstellungen ändern – das ist ein ganz hartes Brett. Bekanntlich mag unser Gehirn bekanntes lieber als Neuland. Was Hoffnung macht – wiederum unser Gehirn: Selbst wenn unsere Genetik und unsere Sozialisation die Verdrahtungen unseres Gehirns entscheidend prägen, sind sie nicht in Stein gemeißelt. Unser Gehirn ist plastisch genug, um alte Verbindungen zu kappen und neue zu legen. Wieso sollte dies Menschen in Organisationen nicht auch gelingen. Hier entstehen neben den Hubs schon immer eigene Verbindungen. Wenn sie stark genug sind, fangen sie an, Kommunikation zu prägen: Mithilfe digitaler Medien, die Hierarchien schlicht ignorieren.

Bei allem ist digital kein Allheilmittel. Ich halte es für menschliche Hybris, unser neuronales Netzwerk auf einer Festplatte 1:1 zu reproduzieren. Wer in 0 und 1 denkt, hat den menschlichen Organismus nicht verstanden. Das erinnert mich an die alte Auffassung, Kommunikation funktioniere nach dem Sender-Empfänger-Modell. Wer menschliche Kommunikation mechanisiert, weiß nicht, was wirkliche Gespräche ausmachen.

 

Ein Gedanke zu “Was Gehirn und Kommunikation verbindet

  1. Klasse Beitrag, Frank! Vielen Dank für die Inspiration.
    …man könnte ihn noch erweitern um die Rolle von Dopamin als treibender Stoff, um aus festgefahrenen Mustern auszubrechen, neue Erfahrungen zu machen und so neue Verschaltungen herzustellen. Im Unternehmen wären dies die „Rebellen“ oder auch „Störungen“ – idealerweise toleriert oder sogar motiviert durch die Führungskräfte.

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