Das dukatenspuckende Valley

Es gibt selten nur eine Geschichte zu einem Thema. Meist kommt es auf den Standpunkt des Betrachters an. Das gilt natürllich auch, wenn wir über das berühmte Tal in Kalifornien erzählen, das mittlerweile nicht nur viele Hightech-Firmen beherbergt, sondern vielmehr zu einer spirituellen Quelle mutiert ist. Ein guter Moslem muss einmal im Leben nach Mekka, ein hipper Manager mindestens einmal in seiner Karriere die freie Luft im Silicon durch seine verkrustete Birne pusten.

Die Geschichte  deutscher Topmanager und diverser Reisegruppen ist daher wohl eine modern-romantische. Sie handelt von den Verheißungen der digitalen Welt, die uns das Silicon Valley verspricht. Von Gründergeist und jeder Menge Energie. Von coolen Leuten, die ein neues Kapitel der Menschheit aufschlagen, in der uns digitale Technologien die Tür zu einer besseren Welt öffnen. In der wir alle vernetzt sind, in der uns  ein ewiges Leben winkt und sich das Weltall zum neuen Lebensraum entwickelt. Und von den Managern selbst, wie sie sich in Social Media feiern lassen, wenn sie mit Hoodie und Vollbart ohne Krawatten geläutert in das alte Deutschland zurückkehren und danach stillschweigend in ihren alten Strukturen weitermachen wie bisher.

Google, Facebook und Co – sie sind in dieser Geschichte nicht triviale Unternehmen, sondern philanthropische Gebilde, denen es nicht mehr um schnöden Mammon geht (wie billig ist das denn), sondern um nicht weniger als das Glück der Menschheit. Daher bauen sie Organisationen, in denen Arbeit nicht mehr Arbeit ist, sondern Selbstverwirklichung in allzeit schwärmenden Intelligenzen und schicken Wohlfühlzonen.  Wer könnte eine solche Geschichte nicht besser erzählen als Christian Lindner höchstpersönlich, unser begnadeter Marketing-Resonanzraum.

Wer jetzt vor Tränen gerührt ist, keine Sorge, es gibt auch eine andere Lesart des Silicon Valleys. Eine kalte Variante. In ihr dreht sich alles um Dukaten, die Kapitalgeber in Startups pumpen, damit der Esel richtig schön spuckt. Von Akteuren, die nicht wie einige gutsituierten und -saturierten Silicon-Manager nun schon bei ihrer Achtsamkeit gelandet sind, sondern sich in Sprints den Arsch aufreißen. Um der nächste Blue Chip zu werden und die Geldkarotte so zu verdauen, dass auch was für sie selbst und nicht nur die Investoren rausspringt. Ein knallhartes Geschäft also, das wenig mit Spirit und Aufbruch zu tun hat, sondern die kapitalistische Profitlogik auf den Punkt treibt. Das wäre übrigens ein wunderbares Märchen für Tränensack Martin Schulz, assistiert von Jeanne-d’Arc Nahles.

Welche Geschichte ihre Haltung mehr widerspiegelt, geschätzte Leser, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht auch gar keine von beiden. Wie wir die Welt wahrnehmen, ist nie getränkt von Objektivität, sondern ‚nur’ subjektiv. Meine eigene Geschichtsversion vom Silicon Valley möchte ich ihnen gleichwohl nicht vorenthalten. Sie dreht sich idarum, einen gemeinsamen europäischen Weg für die Digitalisierung zu finden (der Autor dieser Zeilen ist unverbesserlicher Europäer). Uns auf unsere eigenen Wurzeln und Kompetenzen zu besinnen, anstatt wie Lemminge mit gebeugtem Haupt gen Silicon Valley zu pilgern, um dort die digitalen Segnungen von smarten Nerds zu empfangen.

Und natürlich handelt meine Gesichte von dem kostbaren Gut unserer kulturellen Vielfalt, ein so unschätzbarer Wert in dieser komplexen Welt. Von unseren Diskursen, die oft um Klassen vielschichtiger sind als eindimensionale Sichtweisen des Silicon Valley. In ihr spielen nicht nur Investoren und die Zuckerbergs dieser Welt eine Rolle, sondern gesellschaftliche Gruppen und Bürger. Die plural diskutieren, wie die Digitalisierung unser Leben sowie unsere Gesellschaft besser machen kann und wie Bürger selbst über ihre Daten bestimmen.

Auf einen schlichten Nenner gebracht: In meiner Lesart kopieren wir in Europa nicht das Silicon Valley, was ohnehin selten gelingt, sondern basteln auf Basis unserer eigenen Stärken etwas Neues. Letzteres baut auf einem Begriff von menschlicher Vernunft, der ungleich tiefer geht als die instrumentelle Logik von Algorithmen.

PS: Der Artikel spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider.

 

Bejahende Digitalisten – und wo bleibt die Gesellschaft?

Hunderttausende von Schülern kennen diesen Satz aus Dürrenmatts Die Physiker: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“. Mich beschäftigt er, wenn ich darüber nachdenke, ob sich laufende Entwicklungen noch zurückholen lassen. Kürzlich blitzte er wieder in meinem neuronalen Netzwerk auf, als ich ein Interview mit Timotheus Höttges zum Thema Digitalisierung las (in: Die Zeit, 30.12.15). Das ist nicht der eisenharte Verteidiger aus den 70-er-Jahren, sondern der aktuelle Telekom-Chef, der sich aber genauso tough gibt.

Hart ist er im Sinne von zweckrational, also einem eindimensionalen Begriff von Vernunft, gekoppelt mit einem grenzenlosen Fortschrittsglauben, der eine  gesamtgesellschaftliche Perspektive nicht wirklich mitreflektiert. Eine Art stählernes Gehäuse. So haut er in diesem besagten Interview einige Aussagen raus: „Der Unterschied zwischen Mensch und Computer wird in Kürze aufgehoben sein“. Oder: „Wir kritisieren Kinder oftmals dafür, dass sie nur noch am Computer hängen. Aber ist denn die Intensität, die sie erleben, nicht größer geworden, weil sie permanent mit ihren Freunden zusammen sind. Sie können jeden Moment teilen, über Snapchat oder Instagram, ganz egal, wo sie sind“.

Dass Höttges mit seiner Auffassung nicht alleine steht, versteht sich. Und seine Position ist schon deshalb einleuchtend, weil die Telekom bei jeder neuen digitalen Schubwelle kräftig verdient. Das gilt auch für andere Digitalvisionäre, die – wie auf der letzten, übrigens sehr guten Bitkom-Hub-Konferenz geschehen – bereits intensiv darüber nachdenken, wie menschlich Roboter sein werden und zu welcher sozialen Interaktion sie fähig sind. Demnächst droht mir wohl eine Bürogemeinschaft mit meinem Digitalkollegen Robi Robotnic, der micht über seine Sensoren scannt und  sofort erkennt, wie ich drauf bin. Dann streichelt er mir umit seiner Metallhand über den Kopf oder schüttelt mich mal kurz durch.

Die große Frage für mich ist: Wollen wir das – als Menschen, als Arbeitende? Roboter als Kollegen, denen Intuition und soziale Kompetenz nur dann möglich ist, wenn wir sie hart codiert ist? Sollen sie so menschlich wie möglich werden. Und muss alles, was möglich ist, gemacht werden, damit der Rubel rollt. Diktiert uns folglich das Silicon Valley, wie sich die Gesellschaft entwickelt, ohne dass wir darüber mitdiskutieren? Gesellschaft nur noch als Spielball privater Unternehmen? Erreichen wir damit eine neue Stufe des ökonomischen Primats vor menschlichen Bedürfnissen? In der wir digital nackt und ausgeleuchtet sind, damit uns Unternehmen noch genauer mit ihrer Werbung traktieren?

Von den Digitalisten, wenn ich sie bezeichne, ist bei diesen Fragen nichts zu erwarten. Sie sind auf ihre Weise genauso fatalistisch wie Dürrenmatt in seiner Komödie. Mit einem Unterschied: Während der Telekom-Manager nur eine lineare Entwicklung schlicht geradeaus weiterdenkt, nimmt der Schweizer Schriftsteller immerhin einen reflektierten Standpunkt ein und denkt – melancholisch – weiter. Das ist wenig. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass wir als Bürger, als Gesellschaft, entscheiden, was wir für gut heißen und was nicht. Das wäre dann ein reflektierter und dialektischer Umgang mit den guten und schlechten Seiten der digitalen Veränderungen. Nicht zu verwechseln mit Rückwärtsgewandtheit und der berüchtigen deutschen Skepsis an Fortschritt. Nur kommuniziere ich gerne mit Menschen aus Fleisch und Blut und ungleich weniger mit programmierten Kisten, durch die Strom fließt. Oder ist das schon Digitall-Lästerung?