Altmodische Kommunikation?

Könnte sein, ich gehöre einer aussterbenden Spezies an? Zu der, die immer noch davon glaubt, Kommunikation gelinge nur dann, wenn sich zwei oder mehrere Menschen gegenüber sitzen und miteinander reden. Wieso dies so ist, hat uns Paul Watzlawick in seinem alten und nach wie vor lesenswerten Schinken „Menschliche Kommunikation“ gepredigt: Um die Aussagen meines Gegenübers zu verstehen, benötigen wir den Anker auf der Beziehungsebene. Also da, wo es nicht um den eigentlichen Text geht, sondern um Stimme, Körper, Gestik und Mimik. Nur wenn ich diese vor Augen habe und sie erspüre, kann ich mir den Inhalt – einigermaßen – zusammenreimen.

So weit, so gut, dachte ich. Deckt sich mit meinem Bild. Von daher fühlte ich mich bestens gewappnet gegen die Bewohner des Internet, die statt haptischem Papier und Kneipenpalaver auf Social Media und Kommunikation in neue Bausteine zerlegen. Gegen die Kraft des guten persönlichen Dialogs komme die eindimensionale digitale Kommunikation nicht an.

Weit gefehlt. In einer spannenden Diskussion mit einem sehr geschätzten Polit-Prof fühlte ich mich vor kurzem entlarvt als altmodischer Kommunikator, der die neuen Kommunikationsdimensionen des unendlich weiten Internets noch nicht begriffen hat. Meiner These, dass virtuelle Kommunikation nicht wirklich gelingen könne, weil die Beziehungsebene fehle, hielt er frech entgegen: In der virtuellen Welt würden sich neue Kommunikationsformen und –rituale herausbilden, über die sich die Bewohner der neuen Welt auch ohne persönlichen Kontakt verständigen würden. Ein neuer Kommunikationshabitus entstehe, in dem sich die jüngeren Generation bereits einüben. In nicht allzu ferner Zeit wäre dies so entwickelt, dass ich meine altmodische Sicht auf Kommunikation abhaken könne. (Ok, ich übertreibe den Standpunkt des Profs etwas.)

Wie die neue entkörperlichte Kommunikationswelt aussehen könnte, dies zu diskutieren blieb uns leider keine Zeit. Reden wir hier von einer noch breiteren Palette von Icons, mit denen ich virtuell meine Stimmung ausdrücke. Keine Träne mehr, sondern eine Abbildung davon. Oder ob sich virtuelle Kommunikationserfahrungen in unserem Gehirn einfräßen und weiter entwickeln. Ein neuer Verhaltenskodex, der sich langsam herausbildet?

Ich gebe zu, hier fehlt mir die ein Idee. Stattdessen ziehen an meinem inneren Auge PC wütende Schreiberlinge vorbei. Eine Ansammlung von Piraten, die sich aufs übelste in der digitalen Welt beschimpft. Weil es anscheinend leichter ist, gegen einen Menschen abzulästern, der an einem anderen Notebook weit weg sitzt, aber nicht am gleichen Tisch. Gegen den Text eines unbekannten Gegenübers einen eigenen Text setzen, ohne dass diese Kommunikation zirkulär wird, verzahnt, dialogisch. Eine Kette nicht verwobener Statements – schöne, neue Kommunikationswelt.

Zu krass gemalt, ok. Trotzdem! Sich zu verständigen ist eine komplexe Angelegenheit  Wie dies über das Einhacken auf Tastaturen gelingen kann, bleibt für mich offen. Aber wahrscheinlich gehöre ich der falschen Generation an, die noch auf dem Bolzplatz groß geworden ist und nicht beim Zocken im Internet. Und leider werden wir die Piraten nicht mehr als lebendes Forschungsobjekt nutzen können, um zu analysieren, ob sie einen neuen virtuellen Kommunikationsstil prägen. Denn bis dahin wird es sie nicht mehr geben. Nicht allein, weil ihr Personal nur schwer zu goutieren ist, sondern weil sie sich kommunikativ zerlegt haben – in der virtuellen Welt wohlgemerkt. Scheint also nicht so einfach zu sein, die Kneipe durch Internet-Foren und virtuelle Communities zu ersetzen.