Zwischen Datenwahn und solidarischen Beziehungen?

Verzwickt an unserer Gegenwart ist, dass sie keine eindeutigen Linien offenbart. Sondern widersprüchliche und konträre Tendenzen nebeneinander her laufen. Und kaum einer, außer vielleicht Kaffeesatzleser, die sich heute vollmundig Zukunftsforscher schimpfen, hat ein Gefühl dafür, ob eine Tendenz die andere plattmacht. Ambidextrie – so lautet das neue Zauberwort, ich halte es lieber mit dem schönen Wort Ungleichzeitigkeit von Ernst Bloch.

Schauen wir auf das Schlagwort Big Data. Na klar, können Daten im großen Stil auch ausgewertet und genutzt werden, um unseren Planet zu schützen. Weil wir mehr Wissen über geografische Zusammenhänge in den Billionen Bits entdecken. Aber auf der anderen Seite gibt es die Googles, Facebooks und Amazons dieser Welt, die nur eines im Kopf haben: mit unseren Daten Geld zu machen, sie an Unternehmen zu verkaufen, die uns dann mit Angeboten bis in den Sarg hinein traktieren. Werbetreibende, die uns die punktgenaue Auslieferung von Werbung vorgaukeln. Streuverlust ade, der Mensch zu einem Datensatz deformiert, an den kommerzielle Interessen andocken?

Von Datenschutz oder gar von einer digitalen Privatsphäre reden wir kaum. Was aus dem Silicon Valley kommt, ist per se hip, ist Zukunft. Da schauen nur wenige genauer hin, ganz zu schweigen davon, dass wir vieles gar nicht verstehen. Hauptsache die Startups machen das, um was es ihnen geht.

Dagegen steht ein gleichfalls starker Strom. Mehr an fairen Beziehungen, an wahren Partnerschaften und Netzwerke, in denen keiner mehr übers Ohr gehauen wird. Ein breites Spektrum tut sich hier auf – von Shared Economy über solidarische Wertschöpfungsnetzwerke und Co-Innovation mit Kunden. Bis hin zu ökonomischen Vordenkern, die betonen, dass Wirtschaft den Mehrwert der Gesellschaft zu heben habe und nicht privaten Profit maximieren dürfe.

Einiges von dieser sozialen Romantik wird im Kleinen gelebt und reflektiert auf den starken Drang nach wärmenden menschlichen Beziehungen in dieser digitalen Welt. Nur, ist unser soziales Bedürfnis stark genug, um die Datenkrake in ihre Schranken zu verweisen und ihr den Zugriff auf unsere Daten zu verwehren. Oder ist diese Maschinerie so mit Billionen geölt, dass sie auf lange Sicht alles platt macht.

Vermutlich ist dieses gemeinwohlige Bedürfnis nur in Verbindung mit der kalten Datenwelt zu verstehen. Als ob Gegengewichte entstehen, damit sich die Wippe nicht nur auf eine Seite nach unten neigt, sondern schwingt. Das wäre ein schöner Mechanismus, frei nach Hölderlin, wo Gefahr ist, wachse auch Rettung. Und bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Wäre es nicht denkbar, dass wir neue Technologien und Künstliche Intelligenz nutzen, um unser Weltdorf bewohnbarer zu machen und friedlich zusammenzurücken. Das Beste aus beiden Welten, eine solidarische Welt, die digitale Lösungen für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung nutzt? Träumen dürfen wir doch schließlich, das verstehen Algorithmen wohl noch nicht.

Einmal Kloster und zurück?

In unserer begrifflichen Welt, die zunehmend mit Anglizismen durchsetzt ist, gibt es seit geraumer Zeit nun auch das schöne Wort Retreat. Rückzug (in was: das Innere). In meiner bildhaften Fantasie stelle ich mir, sobald ich den Begriff höre, einen leeren Akku vor. Unser erschöpftes, müdes Hirn, unser matter Körper. Da die Steckdose nichts mehr her gibt, wird das Kabel gezogen und in eine andere Steckdose gestöpselt. Auf der ist genug Saft, um mich wieder aufzuladen.

Eine solche Steckdose ist beispielsweise der Aufenthalt in einem Kloster, wie dem sehr empfehlenswerten Benediktushof in der Nähe von Würzburg, den ich vor kurzem besucht habe. Zen for Leadership, so der bombastische Titel und mir war zutiefst bewusst, dass ich hier voll en vogue bin. Im Silicon Valley- dem Tal, in dem die neue Welt entworfen wird – ist es mittlerweile für hohe Manager schick, Buddhist zu sein.

Was sie nicht davon abhält, ihre digitalen Krakenarme zu nutzen, um Menschen zu Datensätzen zu mutieren. Weniger ist mehr? im Gegenteil: Je mehr Daten, umso besser (verkäuflich). Manche sagen denn auch, diese Verbindung mit dem hehren Buddhismus, dem Gewinnmaximierung fremd ist, sei die nächste perfide Form des Kapitalismus. Der sich auch esoterische Ansätze zunutze mache und integriere.

Mir ging es aber schlicht nur darum, in meinem bescheidenen individuellen Menschsein neue Erfahrungen zu sammeln. Die mir vielleicht helfen, in unserem effizienten und teilweise entmenschlichten Wirtschaftsmechanismus achtsam und heiter-gelassen einigermaßen gut zu (über-)leben. Um sechs Uhr morgens zu meditieren, nur zu atmen und die aufkommenden Gedanken vorbeiziehen zu lassen – das ist wirklich wohltuend.

Mehr auf den Körper zu achten, statt nur im Kopf zu sein. Oder zu schweigen und nicht ständig die üblichen Fragen nach meinem Beruf, meinem Studium, meiner Firma oder meiner Familie beantworten zu müssen. Nach dem Motto, oh der ist größer als meiner. Keine auf Namensschilder-Gaffer, denen man immer ansieht, wie sie innerlich checken, ob es sich lohnen könnte, mit dieser Person ins Gespräch zu kommen oder ihn besser links liegen zu lassen.

Sicherlich werde ich jetzt kein Buddhist. Das würde nicht zu mir passen. Der Aufklärung verpflichtet und dann in esoterische Welten abzutauchen? Nee, oder. Aber ich bin eklektizistisch veranlagt und nehme einiges mit, was ich im Alltag künftig praktizieren werde.