Hauptsache innovativ

Es ist eine ewig währende Litanei, die uns Medien und hochrangige Wirtschaftsvertreter regelmäßig präsentieren: Wir Deutschen und indirekt unser verbeamteter Geist, seien schlicht nicht innovativ genug. Im Gegensatz zum hippen Silicon Valley mit seiner sprudelnden Startup-Welt, in der viele übrigens nur vom großen Geld träumen, herrsche hier ein Heer von Blockierern und Staatsfetischisten. Statt dem wunderbaren Flow einer wahrhaft freien Wirtschaft gäbe es hier nur ein eng von Gesetzen umzäuntes Gehege. Kai Dieckmann lässt freundlich grüßen.

Diese schwarz-weiß-Metaphern vernebeln nicht nur unsere Köpfe, sondern verhindern gleichzeitig eine seriöse Diskussion, wie Innovation zustande kommt und was sie wirklich fördert. Das ist die eigentlich spannende Diskussion, erst recht, wenn wir auf die neuen Säue schauen, die durch das Dorf Innovation getrieben werden und neues verheißen. Es handelt sich dabei um solch wunderbare Anglizismen wie Crowd Sourcing, Open Innovation oder Design Thinking, um nur einige zu nennen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf Basisdemokratie und Schwarmintelligenz basieren. Die gute Masse und deren kreatives Potenzial wird es künftig richten.

Vorbei sind damit die Zeiten, in denen sich Wissenschaftler in Labors vergraben und nächtelang Experimente gestartet haben, um dann Jahre später ein vielleicht marktfähiges Produkt zu präsentieren. Stattdessen reden jetzt Unternehmen von Innovationsmanagement und eigenen Stabsabteilungen in Unternehmen, die das Thema treiben. Fein säuberlich mit qualitätsgesicherten Prozessen, klaren Regeln und passenden Abgrenzungen. Abgeheftet in Ordnern oder im Nirwana irgendwelcher Intranets. Für einen Hipster aus dem Silicon Valley, fühlt sich dies wahrscheinlich komisch an und für mich klingt es wie die Domestizierung von Innovation.

Da sind mir die anglizistisch anmutenden Säue ungleich lieber. Sie enthalten einige Elemente, die ich für wichtig erachte, wenn wir von Innovation reden. Zum einen meine ich die Einbindung der Kunden, die meist am besten wissen, was Sache sein soll. Zum zweiten ist es die hohe Pluralität, die diesen Ansätzen zugrunde liegt. Hier denkt keine homogene Gruppe aus den gleichen Hochschulen und mit ähnlichen Karrierekurven über neue Produkte und Services nach, sondern ein bunter Haufen Andersgesinnter aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten.

Halten wir vorerst fest: Innovation gelingt, wenn sie auf pluralistischen Diskussionen basiert und nicht Nabelschau betreibt, sondern von den Bedürfnissen der Kunden ausgeht. Ein letztes Element fehlt noch, meine ach so geschätzte Kultur. Will sagen: Wir können noch so viel an Innovation anordnen und dafür Abteilungen gründen. Aber wenn die Kultur einer Organisation nicht offen ist, keine Synapsen in Richtung Markt hat und Lernen – auch aus Fehlern – nicht in ihr verankert ist, bleibt Innovation ein Muster ohne Wert. In diesem Sinne bieten die neuen Ansätze die Chance, Kultur nachhaltig zu verändern. Darin liegt ihre große Kraft. Ansonsten gilt, frei nach Beuys: Jeder Mensch ein Innovator!