Arbeit: Identität oder Rolle

Süßer die Worte nie klingen: New Work, agiles Arbeiten, Arbeit 4.0 und vieles mehr. Die Liste der Begriffe ist lang, wenn wir die neue Arbeitswelt segnen. Mehr denn je – so der Refrain – verwirklichen wir uns in unserer Arbeit, bewegen uns in hippen Projekten und hoppen regelmäßig in neue Umfelder. Im Flow unserer eigenen Bedeutung, wie es vor allem die Generation Y vorarbeitet.

Zu ihr gehöre ich nicht. Ob es daran liegt, dass mich identitäre Vorstellungen von Arbeit eher abschrecken? Mich irritiert die Vision, in der Arbeit fänden wir unser Ich und würden unser Potenzial in vollen Zügen ausschöpfen. Denn es ist keineswegs gewiss, ob ein Ich existiert, wie uns die Neurowissenschaften lehren. Und wenn nicht, was wäre es dann, was es zu verwirklichen gäbe?

Ich halte es eher mit dem alten Paradigma, dass wir uns in unserem Leben in unterschiedliche Rollen begeben: als Freund, Vater – und natürlich als Arbeitende. In jeder dieser Rollen verhalten wir uns anders, verändert sich unsere Haltung, unser Tun. Und das ist auch gut so. Es hilft uns dabei, Arbeit nicht zu sehr zu überfrachten und aufzuladen. Leben ist – trivial – mehr als Arbeit. Wie wir sie mit ihr umgehen, ist hoffentlich eine individuelle Frage und keine von identitären Beglückungsmodellen. Die zwei Drittel an Arbeitenden aus den jährlichen Gallup-Befragungen, die Dienst nach Vorschrift, sprechen eine klare Sprache.

Von daher hat mich eine Aussage verblüfft, die ich vor kurzem in einem Interview in Brandeins mit einem Schauspielprofessor gelesen habe. Er sagte, einige seiner Studierenden würden sich weigern, Texte zu proben, hinter denen sie nicht als Mensch stehen könnten. Die Totalität unserer Existenz in jeder Lebensfaser, das Diktat der Moral. Wenn Schauspielrolle und Mensch in eins verschmelzen, können wir das Theater schließen.

Vielleicht bin ich zu pragmatisch. In unseren Arbeitswelten, egal ob 4.0 oder 1.0, schließen wir einen Vertrag, der unsere Rolle und deren Rahmen regelt. In diesem Umfeld bewegen wir uns. Da steht nichts geschrieben von Selbstverwirklichung, auch nicht im kleingedruckten. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen, dieses geflügelte Bonmot von Marx ist in unserem Arbeitsleben schlicht eine Schimäre. Durchaus bedauernswert.

Und doch – das ist das vermaledeite – bleiben wir trotz unseres beruflichen Rollenspiels  auf hoffentlich hohem Niveau auch in der Arbeitswelt Menschen. Mit unseren emotionalen Bedürfnissen und Rührungen. Die können wir nicht ausblenden, wenn wir uns in Richtung Büro bewegen. Wenn wir unsere kalte zweckrationale Arbeitshaltung eingenommen haben und dann von einem auf den anderen Moment heiß von unseren Gefühlen erwischt werden. Weil wir nicht wertgeschätzt wurden oder uns unfair behandelt fühlten.

Unsere Arbeitsrolle ist kein Panzer, der alles abprallen lässt, so schön das vielleicht wäre. Dahinter steckt ein Mensch, der den Zwiespalt zwischen seiner Arbeitsrolle und seinen darüber hinausreichenden menschlichen Bedürftigkeit aushalten muss. Für mein Empfinden liegt hier übrigens einer der Gründe, weshalb sich Menschen in ihrer Arbeitsrolle manchmal ausgebrannt fühlen. Das kostet Kraft.

Was hilft, ist wie immer unsere Fähigkeit zur Selbstführung. Übrigens für mich eine zentrale Fähigkeit in den digitalen Welten, in die wir uns bewegen. Sie beinhaltet, uns dieser Dialektik, diesen inneren Konflikten gewahr zu sein. Verbunden mit einer hohen Achtsamkeit – für uns selbst wie für unsere Kollegen. Dann können wir auch zulassen, wenn unser Gegenüber mal aus seiner Rolle tritt und uns irritiert.