Klare Kante, oder was?

Kante ist angesagt. Die Öffentlichkeit genauso wie die Mitarbeiter von Organisationen steht auf Akteure, die Klartext reden und nicht schwallen. Lieber bittere Pillen, wenn sie denn offen kredenzt werden statt endloser Wortkulissen, die uns verbal erschlagen. Denken wir nur an unsere täglichen Erfahrungen im Beruf, in dem wir die breiigen Allgemeinplätze, die Anglizismen oder die neuesten modischen Begriffskonstrukte kaum mehr verdauen.

In die gleiche Kerbe schlug kürzlich die Aussage eines Coachs in einem Seminar zum Thema Change: Wer wirklich einen tiefgreifenden Wandel wolle, müsse auch unhöflich sein. Das meinte in diesem Kontext nicht, Menschen persönlich anzumeiern und Umgangsformen zu vergessen. Vielmehr meinte er wohl damit, kritische Inhalte direkt auf den Tisch zu legen und so eine offene Diskussion herbeizuführen. Ohne Schleifchen und falsche Rücksichtnahme auf Hierarchien. Mittemang ins Thema.

Wenn das nur so einfach wäre, wie es klingt? Denken wir an Joe Ackermann, den Ex-Deutschbanker, der sich angeblich zu hart geäußert haben soll – mit fatalen Folgen. Oder den Kanzlerkandidaten Peer, der sich abmüht mit markiger Rhetorik, aber gegen die wabernden Sprachfloskeln der Kanzlerin nicht landet.

Klare Kante allein ist es doch nicht. Vor allem, wenn sie bei aller Offenheit den richtigen Ton nicht trifft und Menschen persönlich angreift oder in eine geschlossene Hab-Acht-Stellung treibt. Die Kunst bestünde darin, offen, klar und direkt zu kommunizieren, ohne schwallende Umwege. Und gleichzeitig sensibel genug für die Befindlichkeiten der versammelten Menschen und deren Hintergrund. Sonst prallt die klare Kante lauthals zurück.

Aber es geht nicht nur um eine gelingende Synthese zwischen Form und Inhalt. Das ist die individuelle Perspektive. Wenn wir auf die Organisationen schauen, hat eine Klare-Kante-Kultur noch zu wenig Raum. Im Gegenteil: Dinge werden wie gehabt unter den Teppich gekehrt, kritische Köpfe in den Senkel gestellt und Mitarbeiter mit Floskeln zugemüllt.

Um Change zu bewirken, bedarf es Offenheit und genau hier beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz: Wandel soll öffnen, aber um ihn zu bewerkstelligen, ist gerade Offenheit vonnöten. So was aber. Also fangen wir bescheiden an, legen Dinge dann auf den Tisch, wenn wir Vertrauen zu den versammelten Kollegen haben. Und sprechen offen und klar in Mitarbeitergesprächen zur Sache. Alles im Kleinen, nicht als Verordnung „wir sind offen zueinander“.

Kultur ist zäh, beharrend, widerspenstig und wie schon einige Male erwähnt gelingt Change mithilfe der bestehenden Kultur. Mit, nicht gegen sie. Das dauert Zeit, aber es entstehen erste Kanten, auf denen wir uns fortbewegen können. Natürlich zu neuen Ufern.