Das Unbehagen in der Wirtschaft

Täusche ich mich (was oft vorkommt)? In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen, dass sich immer mehr Menschen unwohl fühlen, wie in der globalisierten Welt Wirtschaft buchstabiert wird. Ich erinnere an das bekannte Werk von Sigmund Freud „Das Unbehagen in der Kultur“, in dem er – aus seiner psychoanalytischen Perspektive – aufzeichnet, wie Kultur Menschen daran hindere, ihre Bedürfnisse auszuleben. Übertragen wir die Hypothese Freuds auf die Ökonomie wäre zu fragen, ob uns die ständigen Marktpredigten unendlich vieler Volks- und Betriebswirte – in Freud’scher Terminologie: der Überbau – davon abhalten, auf unsere Bedürfnisse zu blicken.

Was jetzt aber häufiger geschieht, um an meine obige Aussage anzuschließen. In der jüngsten Zeit hatte ich drei spannende Begegnungen oder wie es heutzutage so schön heißt, Impulse. Der erste war ein Vortrag von Christian Felber auf der mind conference zur Gemeinwohl-Ökonomie. Er verwies darauf, dass die Wirtschaft dem Gemeinwohl diene und nicht der Geldmaximierung. Die aktuell vorherrschende Wirtschaft, so Felber, verwechsle Mittel und Ziel. Geld zu erwirtschaften sei nicht das Ziel der Ökonomie, sondern nur ein Mittel, um Nutzwert für Menschen zu erzeugen. Sein Vorschlag: Die Volkswirtschaft wie auch einzelne Unternehmen sollen nicht mehr unter monetären Aspekten bilanzieren, sondern unter den fünf Aspekten Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit und Demokratie. Die Bewegung zur Gemeinwohlökonomie nimmt übrigens mehr und mehr Fahrt auf.

Mein zweites Beispiel ist der Diskussionsbeitrag von Prof. Günter Faltin auf dem Bildungsgipfel in Mannheim im Juli 2016. Er sprach davon, dass eine Seins- die Haben-Ökonomie der Vergangenheit ablösen könne. Wir hätten keinen Mangel mehr, sondern Überfluss. Daher gehe es um intelligentes Wachstum, für das er auf ökonomiefremde Entrepreneure setzt, deren kulturelle Basis nicht aus der Wirtschaft, sondern aus anderen Systemen komme. Durch sie entstünden neue Lösungen sowie Ideen und letztendlich eine bessere Ökonomie, die wieder vom Menschen ausgehe.

Mit einem Zen-Meister, mein drittes Exempel, sprach ich über Achtsamkeit. Er erwähnte dabei, wie vielen Menschen er begegne, die unter dem sich ständig drehenden Hamsterrad leiden und trotzdem keinen Ausweg aus ihm finden würden. Die wissen, dass es so für sie nicht weitergehe, weil der körperliche und geistige Preis zu hoch sei. Und die, so meinte er, als Lösung häufig einen Big Bang des Systems ersehnen würden. Eine Art Reset, zurück auf Null.

Natürlich bieten diese drei Beispiele keine neuen Weisheiten. Nur: Das Unbehagen vieler Menschen in ihren wirtschaftlichen Bezügen steigt, das zeigen mir auch viele private Gespräche. Der Wunsch, es möge sich etwas ändern, er nimmt kontinuierlich zu. Und kommt über kurz oder lang in der Wirtschaft an. Oder ist es bereits: Dass die Wirtschaftselite in Davos in diesem Jahr über ein Grundeinkommen diskutierte und kürzlich renommierte Aktiengesellschaft aus den USA den Druck kritisierten, den das ständige Reporting ausübe und sie am langfristigen Wirtschaften hindere, spricht Bände.