Bildung als Zulieferer degradiert

Wie oft redet unsere Gesellschaft über Bildung? Sehr häufig! Über Bildung, so der gewaltige Chor, wäre unsere Volkswirtschaft in der Lage, den digitalen und globalen Stürmen Stand zu halten. Genau deshalb mehren sich die Stimmen, die auf den Lehrplänen von Schulen das Programmieren als Pflichtfach einführen möchten. Am besten so früh wie möglich. Daher gehen schwäbische Mittelständler seit Jahren in Kindergärten ein und aus, um kleinen Kindern die Segnungen der Naturwissenschaften zu predigen.

In trauter Harmonie mit dem Schmalspurstudium namens Bachelor, das uns in kurzer Zeit reflektierte und bestens ausgebildete Nachwuchskräfte beschert, lernen wir: Das alte Humboldt’sche Bildungsideal ist etwas für Bildungsromantiker, die gefühlt auf einer Stufe mit Veggieday-Freunden stehen. Nein, heute und erst recht morgen hat Bildung zu liefern. Nicht gewachsene Persönlichkeiten, sondern Qualifikationen, die ökonomisch verwertbar sind. Wie Programmierer. In diesem Bild sind Menschen nicht zuallererst Mitglieder einer Gesellschaft, sondern Mitarbeiter einer Organisation.

Der Haken an der Sache: Was den Sprung in die verheißungsvolle digitale Welt verhindert, ist längst nicht nur der Mangel an Fachkräften und Nerds. Vielmehr fehlen uns gesellschaftsweit die mentalen und sozialen Kompetenzen, uns aktiv in die neue Welt zu begeben. Mit Unsicherheit umgehen und mit Komplexität. Sich selbst zu führen und zu reflektieren. Vernetzt zu denken. Oder Veränderungen als Chance zu begreifen. Das ist gefragt.

Genau diese Fähigkeiten fördert eine Bildung, die Persönlichkeiten entwickeln möchte. Malen, bauen, handwerkeln, programmieren, streiten, diskutieren, texten – das alles hilft. Experimentieren, wo es nur irgend geht. Je vielfältiger und breiter Kinder, Jugendliche und Menschen gebildet werden, umso besser. Die komplexe Welt bewältigen wir nur mit pluralistischen Modellen. Daher sind die mechanistischen Bildungsmodelle mit ihrer eindimensionalen Ingenieur-Denke nicht zielführend.

Sie helfen uns nicht weiter in den Fragen, die wir zu lösen haben: Welche Fähigkeiten machen uns Menschen stark? Wie bringen wir uns in eine Welt ein, die immer stärker von Algorithmen, Big Data und künstlicher Intelligenz geprägt ist? In der sich ohne menschliches Zutun Software selbst entwickelt. Indem wir mehr programmieren lernen und eine Heerschar halbgarer Entwickler produzieren? Ich bin kein Ingenieur. Vielleicht fehlt mir die technische Fantasie, aber ich würde sagen: durch Fantasie, Reflexion, Intuition, Umgang mit nicht Berechenbarem. Das genau kann IT nicht.

Übrigens nur am Rande: Ob Kinder wirklich Lust auf programmieren haben, halte ich für fraglich. Die mögen alle ihr Smartphone. Was sich dahinter verbirgt, ist vielen reichlich egal. Wenn unsere schwäbischen Mittelständler, Dax-Konzerne oder die Wirtschaftswoche glauben, mehr programmieren erzeuge mehr IT-Interesse und in 15 Jahre eine Flut an neuen Startups, hat sich von industriellem Denken nicht gelöst. Mit der digitalen Welt hat das wenig zu tun.