Werden Mitarbeiter renitenter

Eigentlich ist es ein dummer Spruch, den die meisten von uns zur Genüge kennen: „Augen zu und durch“. Vergiss Deine sensiblen Seiten, mach keinen auf Mimose, sondern mach ein weiter. Nach diesem Motto haben viele Mitarbeiter jahrelang gearbeitet. Viele Kröten geschluckt, das x-te Leitbild überstanden und die Marotten ihrer Chefs still ertragen.
Nach jüngsten Gesprächen mit Bekannten aus unterschiedlichen Unternehmen scheint sich diese ‚treudeutsche‘ Haltung zu ändern. Wurden früher in Meetings oder Gesprächen die Karten nicht auf den Tisch gelegt und gute Miene zu einem maximal durchschnittlichen Spiel gemacht, um ja nicht den Boss zu brüskieren und damit die eigene Karriere zu knicken, geht es jetzt ungleich offener zu. Kritische Punkte werden nicht nur mit den Kollegen diskutiert, bei denen man einigermaßen sicher sein konnte, dass sie fair spielen und nicht gleich petzen.
Nein, jetzt liegen die Karten häufiger direkt mit dem Gesicht nach oben. Dadurch – so mein Eindruck aus den Gesprächen – entsteht eine neue Dynamik, eine interaktivere Kommunikation und in Konsequenz nicht weniger als eine andere Kultur in Unternehmen. Die arbeitenden Menschen lassen sich nichts mehr vormachen, vielleicht ist das der Kern. Sie reagieren noch viel wachsamer auf Behauptungen und das, was sie dann real erleben. Ist diese Kluft zu groß, macht sie sich mittlerweile Luft. Auf einem anderen Blatt steht, was dann in Richtung Top-Management ankommt.
Was die Gründe für diese Entwicklung sind? Natürlich lösen sich die alten hierarchischen Ordnungen in einer digitalisierten Welt auf. Die kreuz-und-quer-Verbindungen neuer Medien konterkarieren die klassischen Wege von oben nach unten. Vieles wird kommentiert und bewertet, auch das eigene Unternehmen.
Und vielleicht halten sich die jungen Menschen aus der Generation Y für so unentbehrlich und so gut, dass sie mit ihrer Meinung nicht mehr hinter dem Berg halten wie noch wir Babyboomer. Mit der tiefen Überzeugung im Rücken, dass ihnen die Arbeitsmärkte aber so was von offen stehen. Was mir nicht behagt, Herr und Frau Unternehmen, ändert es, sonst bin ich, das kostbare Gut, weg. Umgekehrt kennen zumindest einige der älteren mittlerweile auch ihren Wert. Und da sie um ihre näher rückende Pensionierung wissen, denken sie immer intensiver darüber nach, was sie von der Arbeitswelt noch wollen. Denn die Babyboomer sind in Sachen Selbstverwirklichung oft genauso unterwegs.
Was mir sonst noch durch mein neuronales Netzwerk schwirrt: Insgesamt ist unsere Gesellschaft offener und damit kritischer geworden: Als Konsumenten schauen wir viel genauer hin, was wir uns kaufen: Wie wurde es hergestellt? Ist das, was das Produkt verheißt, Substanz oder Etikettenschwindel. Als Bürger wenden wir uns immer mehr von dem etablierten Politbetrieb ab, der in seinem System und gepaart mit der Sensationsgier der Medien ein Spiel betreibt, das mit unserer Wahrnehmung wenig zu tun hat (leider müssen wir hier dann auch rechtsradikale Dumpfbacken ertragen).
Lange Rede, kurzer Sinn und schön, wenn es so wäre: Zumindest an einigen Stellen scheinen wir aufgeklärt-kritischer geworden zu sein. Dies gilt auch für die Welt der  Unternehmen.

Alte Haudegen bewegungslos?

Dass wir vergreisen, ist hinlänglich bekannt. Auch in der Arbeitswelt, denn die schönen offenen Türen für die Frühverrentung haben sich in den letzten Jahren merklich verengt. Wohl oder übel gilt es jetzt für viele ältere arbeitende Menschen, bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Es sei denn, sie fallen unter Nahles‘ kürzlich erlassenes Gnadenbrot-Gesetz für verdiente Arbeitnehmer.

Die Crux ist nur: Viele der älteren Kollegen haben sich in den langen Jahren ihrer Berufslaufbahn nach oben gehievt und sind in komfortablen Rollen – mit einem guten Salär und ziemlich viel Macht sowie Ansehen. Wenn ihr Unternehmen keine Lösung für sie findet, dann bleiben die Vertreter der ruhmreichen Babyboomer-Generation noch einige Jährchen auf ihren Posten. Da können die Jüngeren noch so mit den Füßen scharren.

Klar ist das nicht gut. Im Sinne der Pluralität – sorry: Diversität – wäre es nachgerade prima, wenn sich auf den Führungsebenen nicht nur eine homogene Generation tummeln würde, die sich über die Jahre hinweg langsam (oder schnell) von unten nach oben bewegt hat. Ähnlich sozialisiert und durch gleiche Bildungsinhalte geprägt. Sinn macht dies in dieser komplex-bunten Welt ganz sicher nicht.

Aber es wäre von den Babyboomern zu viel verlangt, wenn sie von sich aus abdanken würden. Macht ist bekanntlich sexy und zieht an. Daher ist dieser Weg kaum gangbar. Klar gibt es einige Ältere mit Weitblick, die aus eigenen Stücken abdanken und Jüngeren das Ruder übergeben. Aber gibt es ein triftiges Argument, wieso eine 58-Jährige Führungskraft, die weitere acht Jahre zu arbeiten hat und noch nicht genügend Geld auf dem Konto gescheffelt hat, von sich aus ins Glied zurücktritt.

Denn In solchen Fällen ist ihr Arbeitgeber schnell dabei, das Gehalt auf Normalmaß zurückzustufen. Gerade die Älteren wollen aber noch möglichst viel in ihre private wie gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Ganz zu schweigen von dem Gesichtsverlust in ihren Unternehmen, in denen immer noch  die am meisten zählen, die in der Hierarchie  oben stehen.

An der Demografie kommen wir nicht vorbei, selbst der alte Libuda nicht. Und bis auf weiteres auch nicht an den Babyboomern. Was wir dagegen tun können, mit vereinten Kräften: In Organisationen offen und partizipatorisch neue Karrieremuster entwickeln, die in diesem Fall auf die älteren Führungskräfte zielen. Was können Unternehmen anbieten, damit diese sich bewegen und in neue Rollen gehen? Die unter Hierarchieaspekten  uninteressant sind, aber ihnen vermitteln, dass ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre soziale Intelligenz im Umgang mit Menschen gefragt sind.

Leider fallen mir auf die Schnelle so gut wie keine Unternehmen ein, die sich hierzu tiefere Gedanken machen geschweige denn brauchbare Ansätze bieten. Offene Babyboomer gibt es auf der anderen Seite jedoch zur Genüge. Wenn sie eine Option erhielten, sich in den letzten Jahre ihrer Berufslaufbahn auf einer anderen Schiene zu bewegen – viele wären dabei. Nur fehlt vielen Unternehmen der Mut, Tabus zu brechen. So werden wir auch künftig lesen, dass Unternehmen ihren altgedienten Mitarbeitern weiter die altbekannten Vorruhestandsregelungen bieten. Phantasielos und trocken. Eine schlichte und billige Antwort auf die demografische Entwicklung.