Trunken vor lauter Agilität?

Glauben wir den Predigten der digitalen Gurus, dann hilft erstarrten Organisationen nur eine kräftige Pulle aus der hippen Wunderflasche: Hier mehr agile Teams und Methoden, dort eine gehörige Dosis Schwarmintelligenz, gemischt mit der Wahl von Führungskräften auf Zeit sowie einer Prise Open Innovation. Um nur einige der Ingredienzen zu nennen. Diese Patentrezepte werden beständig auf Social-Media-Kanälen gespielt.

Daraus entsteht dann – neudeutsch – die Community der Digital Leader. Ob sich die wahren Empfänger der Botschaft, die Verkrusteten, damit aus ihrem Bunker locken lassen, steht selbstredend auf einem anderen Blatt. Verstehen Sie meine Ironie nicht falsch. Ich mag all diese Themen und würde mir mehr davon im Alltag von Unternehmen wünschen. Doch wertvolle Einwürfe werden nicht besser, wenn sie gebetsmühlenartig wiederholt werden und zur Dauersendung mutieren.

Und zugegeben, ich beschäftige mich lieber damit, wie reale Systeme funktionieren und was passiert, wenn schnöde Organisationswelten auf die Visionen der digitalen Transformatoren prallen. Das ist wohl mein unverbesserlicher Hang zur Dialektik und zu den Niederungen der Systeme, in denen es  nicht agil zugeht, sondern kracht und stinkt.

Ich frage mich zum Beispiel, wie sich das Innenleben von agilen, sich selbst organisierenden Teams ohne Chefs entwickelt. Sind die so im Flow, das alles harmonisch fließt? Oder sind sie auch von Macht und Führung durchwoben, nur eben subtiler? Was ist dann angenehmer: eine klar benannte formale Führung oder schwer durchschaubare Machtstrukturen, die sich in jeder Gruppe bilden. Das ist meine bescheidene Erfahrung. Weil sich Macht auch in der schönen agilen und teilhabenden Welt nicht wie eine Brausetablette auflöst.

Oder denken wir an den Schwarm und dessen überragende Intelligenz. Ich gebe unumwunden zu ich bin basisdemokratisch geschädigt. Aber die Idee, ein Schwarm, dessen Dynamik und Bewegungen ich bis heute nicht begriffen habe, richte es besser, bereitet mir ernsthafte Sorgen. Denn vor identitären Vorstellungen, sei es Volk oder Schwarm, graut es mir. Und Rousseau mochte ich noch nie. Von daher bin ich gespannt, wie Zetsche die Schwarmorganisation beim guten alten Daimler implementiert und wie das funktioniert. Statt Fließband die fließenden Bewegungen eines Schwarms, deren Richtungswechsel ohne sichtbaren Grund erfolgen. Großartig. Immerhin hat der erste Big Boss schon Reißaus genommen.

Agile Methoden sind gut, keine Frage. Aber für alles und jedes? Nicht dass ich den klassischen Wasserfall predige. Nur sollten wir genauer hinschauen, welche Methode sich für welches Projekt eignet. Und klaro ist Holokratie ein spannender Ansatz – für kleine Unternehmen mit wenig arbeitsteiligen Strukturen. Ohnehin entpuppen sich neue Ansätze  bei genauerem Hinsehen als passende Modelle für kleine Organisationen und natürlich für Startups. Etablierte Unternehmen mit ihrer jahrelang geschliffenen Kultur und ihren Ritualen laufen in anderen Bahnen. Kein Wunder, dass sie für neue Themen gern Schnellboote gründen oder sich an Startups beteiligen. Einen mächtigen Tanker agil zu machen, das ist wohl mehr als den Stall des Augias‘ auszumisten.

Hochglanz können wir alle. Schöne Ansätze in den Niederungen der organisatorischen Realität zu verankern, ist ein anderer Schnack. Das ist das berühmte zähe Bohren von richtig dicken Brettern. Da hilft es nicht, sich an den Weihen der agilien Welt zu berauschen. Genau auf diesen langen Atem kommt es an. Rückschläge eingeschlossen. Bekanntlich müssen wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.