Achtsamkeit – die neue Gemeinde

Mit philosophischen Moden habe ich es nicht so. Meist tönen sie mehr, als dass sie über Substanz verfügen. Doch das so wunderbar schwingende Wort Achtsamkeit mag ich. Weil ich gut finde, was dahinter steckt. Mit Mode hat es nichts zu tun, sondern mit einer jahrhundertealten philosophischen Grundhaltung.

Nicht umsonst habe ich seit meinem Start in die Berufswelt darauf geachtet, mich nicht verheizen zu lassen und achtsam mit meinen Ressourcen umzugehen. Mir keine Karotten vor die Nase hängen zu lassen, die sich als Attrappen entpuppen. Denn an extrinsische Motivation habe ich noch nie geglaubt. Wir sind gut, wenn wir für Themen brennen. Und diese haben mit uns selbst und unserer einzigartigen Mischung aus unseren Genen und unserer Sozialisation zu tun.

Achtsam zu sein, ist eine innere Haltung und lässt sich daher nicht auf externe Instanzen abdrücken. Nicht umsonst erinnern die Hochglanz-Postulate vieler Unternehmen, sie gingen achtsam mit ihren Mitarbeitern um, eher an Schimären. Schwamm drüber. Es liegt in der (kapitalistischen) Natur der Sache, dass Organisationen immer mehr von uns haben wollen. An uns liegt es, dieses Zerren mit unserer eigenen Energie abzugleichen – und wenn es sein muss, Grenzen zu ziehen. Wir sind für uns selbst verantwortlich.

Dass Achtsamkeit derzeit so in den Himmel schießt, liegt schlicht daran, dass sich Organisationen weiter beschleunigen und noch komplexer werden. Wer mit diesem Tempo kaum mehr mitkommt – und das sind viele Menschen -, sucht nach Ausgleich oder wenigstens Kompensation. Über Wellness, Yoga, Ayuerveda oder andere entschleunigende Praktiken. Kritisch wird es, wenn diese Form von Achtsamkeit an der Oberfläche haften bleibt. Nicht wirklich integriert ist in das gesamte eigene Leben, sondern die Lebenssphären trennt. In eine halbierte Achtsamkeit: bei der Arbeit unachtsam, aber in der Freizeit achtsam.

Oder wenn sie zur Attitüde wird, wie ich kürzlich auf einer Konferenz empfand, in der sich alles um Mindfulness, so das neudeutsche Wort, drehte. Alle Menschen gingen bewußt achtsam miteinander um. Kein Wunder, fast alle Anwesenden waren Experten oder gar Trainer in Sachen Achtsamkeit 4.0. Wohl wissend, dass kaum etwas wertvoller ist, als die eigenen Predigten zu leben.

Alles gut? Nicht wirklich. Vielleicht war es das gewollte, das mich irritierte. Als bekennender Achtsamkeit-Laie habe ich mich gefragt, ob es in den Gesprächen wirklich um mich ging oder eher um eine sich selbst vergewissernde Achtsamkeit, verdinglicht zu einer Monstranz.

Die vieles wegblockt, was in der Gemeinde nicht gewünscht ist. Dass es in Gesprächen mal lauter und unversöhnlicher zugeht. Merklich zivilisiert ging es auf dieser Konferenz zu, aber auch eintönig und langweilig. Die Konformität der Achtsamkeit verträgt sich nicht gut mit Dynamik und Streit, dass es ab und an stinkt und kracht. Genau die Brüche und Konflikte sind es jedoch, die uns weiterbringen, wenn wir sie erkennen. Statt sie unter den Deckmantel einer allmächtigen Achtsamkeit zu kehren. Piep piep piep, wir haben uns alle lieb. Nee, oder?

Bitte missverstehen Sie das nicht. Ich finde Achtsamkeit für uns, für unseren Körper, für unsere Mitmenschen ein ganz wesentliches Gut. Nur nicht als Attitüde, sondern als in uns verankerte Haltung. Wenn ich das Gefühl habe, mein Gegenüber schaltet wieder auf seinen Achtsamkeitsmodus, fühle ich mich dann wahrgenommen? So entsteht keine Resonanz. Genau das sollte Achtsamkeit aber bewirken.

 

Das Unbehagen in der Wirtschaft

Täusche ich mich (was oft vorkommt)? In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen, dass sich immer mehr Menschen unwohl fühlen, wie in der globalisierten Welt Wirtschaft buchstabiert wird. Ich erinnere an das bekannte Werk von Sigmund Freud „Das Unbehagen in der Kultur“, in dem er – aus seiner psychoanalytischen Perspektive – aufzeichnet, wie Kultur Menschen daran hindere, ihre Bedürfnisse auszuleben. Übertragen wir die Hypothese Freuds auf die Ökonomie wäre zu fragen, ob uns die ständigen Marktpredigten unendlich vieler Volks- und Betriebswirte – in Freud’scher Terminologie: der Überbau – davon abhalten, auf unsere Bedürfnisse zu blicken.

Was jetzt aber häufiger geschieht, um an meine obige Aussage anzuschließen. In der jüngsten Zeit hatte ich drei spannende Begegnungen oder wie es heutzutage so schön heißt, Impulse. Der erste war ein Vortrag von Christian Felber auf der mind conference zur Gemeinwohl-Ökonomie. Er verwies darauf, dass die Wirtschaft dem Gemeinwohl diene und nicht der Geldmaximierung. Die aktuell vorherrschende Wirtschaft, so Felber, verwechsle Mittel und Ziel. Geld zu erwirtschaften sei nicht das Ziel der Ökonomie, sondern nur ein Mittel, um Nutzwert für Menschen zu erzeugen. Sein Vorschlag: Die Volkswirtschaft wie auch einzelne Unternehmen sollen nicht mehr unter monetären Aspekten bilanzieren, sondern unter den fünf Aspekten Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit und Demokratie. Die Bewegung zur Gemeinwohlökonomie nimmt übrigens mehr und mehr Fahrt auf.

Mein zweites Beispiel ist der Diskussionsbeitrag von Prof. Günter Faltin auf dem Bildungsgipfel in Mannheim im Juli 2016. Er sprach davon, dass eine Seins- die Haben-Ökonomie der Vergangenheit ablösen könne. Wir hätten keinen Mangel mehr, sondern Überfluss. Daher gehe es um intelligentes Wachstum, für das er auf ökonomiefremde Entrepreneure setzt, deren kulturelle Basis nicht aus der Wirtschaft, sondern aus anderen Systemen komme. Durch sie entstünden neue Lösungen sowie Ideen und letztendlich eine bessere Ökonomie, die wieder vom Menschen ausgehe.

Mit einem Zen-Meister, mein drittes Exempel, sprach ich über Achtsamkeit. Er erwähnte dabei, wie vielen Menschen er begegne, die unter dem sich ständig drehenden Hamsterrad leiden und trotzdem keinen Ausweg aus ihm finden würden. Die wissen, dass es so für sie nicht weitergehe, weil der körperliche und geistige Preis zu hoch sei. Und die, so meinte er, als Lösung häufig einen Big Bang des Systems ersehnen würden. Eine Art Reset, zurück auf Null.

Natürlich bieten diese drei Beispiele keine neuen Weisheiten. Nur: Das Unbehagen vieler Menschen in ihren wirtschaftlichen Bezügen steigt, das zeigen mir auch viele private Gespräche. Der Wunsch, es möge sich etwas ändern, er nimmt kontinuierlich zu. Und kommt über kurz oder lang in der Wirtschaft an. Oder ist es bereits: Dass die Wirtschaftselite in Davos in diesem Jahr über ein Grundeinkommen diskutierte und kürzlich renommierte Aktiengesellschaft aus den USA den Druck kritisierten, den das ständige Reporting ausübe und sie am langfristigen Wirtschaften hindere, spricht Bände.