Silos: Achtung Baustelle

Überschriften sind manchmal (bewusst) irreführend. Die obige hat beispielsweise nichts damit zu tun, wie Baumärkte das Heimwerken lobpreisen. Oder dass der Autor glaubt, die Akteure in Organisationen würden im Zuge der digitalen Flutung Breschen in die stählernen Abteilungssilos schlagen. Vielmehr hält der Autor dieser Zeilen das Requiem auf Silodenken eher für eine Mär der Bobs der Schlaumeier. Empirische Befunde sprechen eine andere Sprache und viele Gespräche mit Bekannten und Freunden stimmen die gleiche Melodie an: Silos sind stark wie eh und je, von Abbruch ist keine Rede.

Erst kürzlich sagte mir ein Berater, er beobachte vor allem, wie sich Abteilungen die Aufgaben anderer Teams unter den Nagel reißen Schließlich sei jetzt alles fluid und damit auch, wer in der digitalen Welt welche Themen beanspruche. Kompetenzen und Erfahrung würden hier keine tiefere Rolle mehr spielen. Denn im Digitalland könne jeder für sich nach Gutdünken sein Terrain abstecken. Mach Dein Ding – so die Hymne der Heimwerker.

Gefühlt macht heute jede Abteilung ihr digitales Ding. Keiner mag den Zug aus der analogen Welt verpassen. Wer zu spät kommt, wird weggeschwemmt. Dass sich so viel tut und jeder heimwerkelt, ist an sich alles andere als verwerflich, zeigt es doch, dass Menschen ihr digitales Berufsschicksal in die eigene Hand nehmen. Die Crux ist nur, dass sich so die Silos nicht verabschieden, sondern neue entstehen und bestehende sich einmauern. Wir bejammern die Silodenke, aber basteln kräftig an dem Mauerwerk.

Eigentlich absurd: Die Zeichen stehen darauf, alles zu verdrahten und Prozesse sowie Themen aufgrund der digitalen Segnungen neu zusammenzusetzen. Nicht zu verwechsen mit okkupieren. Aber wir bewegen wir uns kulturell noch nicht auf der Höhe der technischen Optionen. Alte kulturelle Muster bilden noch das Fundament. Und dann ist da ja auch noch unser limbische System, unsere Emotionen, die uns zusetzen. Angst ist eine starke Triebfeder unseres Tuns, der wir uns nur selten offen stellen. Daher wirkt sie unterschwellig. Was wird aus mir, meinem Job, meiner Abteilung in der digitalisierten Welt? Möge die Sintflut kommen, wenn nur meine Silomauern stark genug sind.

Angst um die eigene Selbsterhaltung verknüpft sich nicht selten mit der Flucht nach vorn, mit Macht. Ohnehin ist Macht ein organisationsprägender Faktor par excellence. Mach Dein Ding, nimm was Du brauchst. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass wo anders etwas abgeschnitten wird. Das ist ein tägliches Machtbrot in Unternehmen und hat nichts mit Ratio zu tun. Daher passt Macht so gut zu Silo. Beide verengen und sind wenig auf Austausch bedacht.

Das ist ohnehin ein kaum lösbares Dilemma: Wir mögen gerne reziproke Begegnungen. Geben und nehmen ist eine uralte Spielregel, die jedoch schnell außer Kraft tritt, wenn Dein Gegenüber sein Blatt für sich behält. Was dies mit dem macht, der die Karten auf den Tisch legt, liegt auf der Hand.

Wie wir statt den Silos auf Spielfelder kommen? Keine Ahnung! Lösen wir die Verheißungen der digitalen Welt nur ein, wenn unser Kultur aufbricht? Oder sorgt die Digitalisierung dafür, dass sich unsere alte Kultur pulverisiert? Das ist wie Henne und EI. Aber wir werden wohl an beiden Baustellen arbeiten und hoffentlich die Wechselwirkungen nutzen. In meiner kulturanthropologischen Denke läuft es bei allem digitalem Hype ohnehin auf alte, ich würde sagen: substanzielle Begriffe, hinaus: Sicherheit, Resonanz und Vertrauen. Ich überlasse Ihnen, geneigter Leser, ob Sie das mit Ihrer Organisationen oder mit sich selbst austragen und einfach loslassen.