Aufgeklärte Unternehmen

Es ist vermaledeit. Hatte uns nicht die Aufklärung, in der wir uns seit über 200 Jahren bewegen, den Siegeszug der Vernunft suggeriert. Und jetzt? Steht ein Trump eventuell davor, in den USA Präsident zu werden. In Europa, dem Geburtskontinent der Aufklärung, steigen Bewegungen an die Oberfläche der Gesellschaft, die komplexe Themen mit dumpfen, identitären Mustern in den völkischen Boden stampfen.

Dagegen ist die Wirtschaftswelt, so der erste Blick, ein robuster Hort rationaler Vorgehensweisen. Begriffe wie Optimierung und Effizienz oder Effektivität verkörpern per se ein nüchtern-rationales Denken. Aber sie sind in Sachen Vernunft nur die zweckrationale Seite der Medaille. Was auf ihrer anderen Seite, der nicht technokratischen, in der es um kommunikative, um praktische Vernunft geht, steht auf einem anderen Münzblatt.

Da sieht es etwas düster aus mit aufgeklärten Unternehmen. Offener Umgang mit kritischen Themen – in vielen Unternehmen noch Mangelware. Entweder werden heikle Punkte gar nicht erst angesprochen und dafür im informellen Flurfunk breit getreten. Oder sie gehen im politischen Geflecht divergierender Interessen, formaler Machtansprüche oder individueller Karriereansprüche unter. So scheitern etliche Projekte in Unternehmen, weil nicht offen kommuniziert wird, dass das gewünschte Ziel an der ach so komplizierten Realität zerbröselt. Aber kaum einer wagt es, dies auszusprechen. Entsprechend hoch ist die Dunkelziffer gescheiterter Projekte.

Leider sind die Märkte und die Kunden oft schneller als Unternehmen, die zu spät begreifen, wenn sich der Wind gedreht hat. Das ist dann kaum mehr mit Reorganisationen oder Change Management zu kitten. Die brauchen Zeit, um zu wirken, die es dann aber nicht mehr gibt. In dieser Logik ist es einleuchtend, dass laut Prognosen die Hälfte der Fortune-500-Unternehmen in den nächsten zwanzig Jahren nicht mehr vorhanden sein wird. Zwei Geschwindigkeiten, die sich nicht mehr synchronisieren lassen. Dumm gelaufen, aber: Hätten sie offener kommuniziert, hätten sie ihren Kunden und ihren Mitarbeitern zugehört, wäre die Vorhersage vielleicht nicht so düster. Schlag nach beim kritischen Rationalismus.

Ein anderer Punkt ist das „zu viel vom gleichen“. Komplexe Lagen sind nur mit hoher Vielfalt zu bewältigen. Und das ist schwer genug, weil Vielfalt gesteuert und in Ergebnisse überführt werden muss. Viel Zeit geht dafür drauf, diese Vielfalt über ein passendes Verfahren einigermaßen zu regeln. Aber es lohnt sich. Identitäre Monowelten bringen uns nicht weiter, sie sind zu einseitig ausgelegt und verfügen über zu bescheidene Ressourcen. Sie erzeugen keine neuen Argumente und Alternativen, während der Markt gleichzeitig hochindividuelle Lösungen verlangt.

Mehr Aufklärung also? Es sind meist die kleinen Dinge, die Knoten lösen: Wie wirkliches Zuhören und das offen sein für andere Argumente. Sie diskutieren und nicht gleich mit Totschlagargumenten wegfegen oder per negativer Bewertung in den Orkus jagen. Etwas Überraschendes tun, mit dem keiner gerechnet hat. Ein Effekt, der verblüfft, irritiert und dadurch Kreatives erzeugt. Eigentlich klingt das einfach, oder? Aber es ist so schwer.