Bejahende Digitalisten – und wo bleibt die Gesellschaft?

Hunderttausende von Schülern kennen diesen Satz aus Dürrenmatts Die Physiker: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“. Mich beschäftigt er, wenn ich darüber nachdenke, ob sich laufende Entwicklungen noch zurückholen lassen. Kürzlich blitzte er wieder in meinem neuronalen Netzwerk auf, als ich ein Interview mit Timotheus Höttges zum Thema Digitalisierung las (in: Die Zeit, 30.12.15). Das ist nicht der eisenharte Verteidiger aus den 70-er-Jahren, sondern der aktuelle Telekom-Chef, der sich aber genauso tough gibt.

Hart ist er im Sinne von zweckrational, also einem eindimensionalen Begriff von Vernunft, gekoppelt mit einem grenzenlosen Fortschrittsglauben, der eine  gesamtgesellschaftliche Perspektive nicht wirklich mitreflektiert. Eine Art stählernes Gehäuse. So haut er in diesem besagten Interview einige Aussagen raus: „Der Unterschied zwischen Mensch und Computer wird in Kürze aufgehoben sein“. Oder: „Wir kritisieren Kinder oftmals dafür, dass sie nur noch am Computer hängen. Aber ist denn die Intensität, die sie erleben, nicht größer geworden, weil sie permanent mit ihren Freunden zusammen sind. Sie können jeden Moment teilen, über Snapchat oder Instagram, ganz egal, wo sie sind“.

Dass Höttges mit seiner Auffassung nicht alleine steht, versteht sich. Und seine Position ist schon deshalb einleuchtend, weil die Telekom bei jeder neuen digitalen Schubwelle kräftig verdient. Das gilt auch für andere Digitalvisionäre, die – wie auf der letzten, übrigens sehr guten Bitkom-Hub-Konferenz geschehen – bereits intensiv darüber nachdenken, wie menschlich Roboter sein werden und zu welcher sozialen Interaktion sie fähig sind. Demnächst droht mir wohl eine Bürogemeinschaft mit meinem Digitalkollegen Robi Robotnic, der micht über seine Sensoren scannt und  sofort erkennt, wie ich drauf bin. Dann streichelt er mir umit seiner Metallhand über den Kopf oder schüttelt mich mal kurz durch.

Die große Frage für mich ist: Wollen wir das – als Menschen, als Arbeitende? Roboter als Kollegen, denen Intuition und soziale Kompetenz nur dann möglich ist, wenn wir sie hart codiert ist? Sollen sie so menschlich wie möglich werden. Und muss alles, was möglich ist, gemacht werden, damit der Rubel rollt. Diktiert uns folglich das Silicon Valley, wie sich die Gesellschaft entwickelt, ohne dass wir darüber mitdiskutieren? Gesellschaft nur noch als Spielball privater Unternehmen? Erreichen wir damit eine neue Stufe des ökonomischen Primats vor menschlichen Bedürfnissen? In der wir digital nackt und ausgeleuchtet sind, damit uns Unternehmen noch genauer mit ihrer Werbung traktieren?

Von den Digitalisten, wenn ich sie bezeichne, ist bei diesen Fragen nichts zu erwarten. Sie sind auf ihre Weise genauso fatalistisch wie Dürrenmatt in seiner Komödie. Mit einem Unterschied: Während der Telekom-Manager nur eine lineare Entwicklung schlicht geradeaus weiterdenkt, nimmt der Schweizer Schriftsteller immerhin einen reflektierten Standpunkt ein und denkt – melancholisch – weiter. Das ist wenig. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass wir als Bürger, als Gesellschaft, entscheiden, was wir für gut heißen und was nicht. Das wäre dann ein reflektierter und dialektischer Umgang mit den guten und schlechten Seiten der digitalen Veränderungen. Nicht zu verwechseln mit Rückwärtsgewandtheit und der berüchtigen deutschen Skepsis an Fortschritt. Nur kommuniziere ich gerne mit Menschen aus Fleisch und Blut und ungleich weniger mit programmierten Kisten, durch die Strom fließt. Oder ist das schon Digitall-Lästerung?