Die Renaissance der Politik in Unternehmen

Dass die Unternehmenswelten immer komplexer werden, ist längst kalter Kaffee. Ähnliches gilt für die Rolle von Führung, die sich massiv verändert hat. Den Mythos, komplizierte Lagen ließen sich durch die einsamen Entscheidungen  großer Figuren auflösen, belehrt die Realität eines Besseren. Heute geht es darum, anstehende Themen und Fragen auszubalancieren, differenziert zu betrachten und dann reflektiert mit einigen Fragezeichen die bestmögliche Lösung anzustreben.

Trotzdem steht außer Frage, dass Macht in der neuen Welt wichtig bleibt. Sie bildet weiterhin einen festen Kern  in der Organisationswelt, um den herum die Dinge geregelt und gesteuert werden. Nur ist Macht eben nicht mehr die alles erschlagende zentrale Instanz, sondern zeigt sich in einer verflüssigten Form. Macht wird heute  ‚vielfältig verteilt und permanent sozial konstruiert’, hielt Wolfgang Looss in seinem Vortrag auf dem Zukunftsforum Personal fest.

Dadurch ist Macht nicht mehr ein statisches Gravitationszentrum, sondern eine sich ständig verändernde Größe. Mit zum Teil wechselnden Machtzentren und ohne die klassischen Erbpfründe.  Sich in dieser Welt zu bewegen, bedeutet, politisch zu handeln. Dazu zählt, inhaltliche Bündnissen im Vorfeld von Entscheidungen über die alten Silos hinweg zu schmieden, um Themen voranzutreiben. Im guten hat Politik immer schon ausgemacht, über das Bündeln von Interessen für ein Ziel die richtigen Leute ins Boot zu holen, die heute in Summe mehr Power zu bieten haben als die formal begründete Macht. Denn die klassischen Machthaber ganz oben sind bei genauerem Hinsehen oft klein mit Hut.

Klug ist dagegen, wer ein Auge für die Stärke politischer Bündnisse hat. Erst recht heute: Enterprise-2.0-Kultur meets Politik: Die neuen Segnungen der digitalen Web-2.0-Welt, in der sich Macht und Netzwerke neu konstituieren, verschmilzt mit den Mechanismen politischen Handelns. Auf den ersten Blick klingt dies abwegig, denken wir doch bei Politik in Unternehmen an Karrieristen, an Schleimscheißer und an männliche Seilschaften, die unter ihresgleichen Posten vergeben und so Karrieren machen. Die alte Deutschland AG und ihre Spitzen auf den jährlichen Berggipfeln dieser Welt.  Gut inszeniert fürs Volk. Das Gegenteil von dem, was wir mit der hippen Welt der Netzwerke und der Schwärme verbinden.

Beißt sich da also nicht die Katze in den Schwanz und ist Politik nicht per se auf Jahrzehnte diskreditiert? Mitnichten – ich bleibe dabei: In der neuen Welt der Unternehmen, in denen die alte Macht nicht mehr greift, ist kluge und vernetzte Politik angesagt. Diese bindet alle für ein Thema wichtigen Akteure in Handlungen oder Entscheidungen ein. Kommunikativ und interaktiv. Genau dadurch schafft sie sich die notwendige Legitimation. Gleichzeitig löst sie die Silos auf, die Unternehmen im Weg stehen. Komplexe Welten benötigen komplexe Prozesse und komplexe Entscheidungsfindungen. Hier bietet politisches Handeln ein überlegenswertes Muster an.