Von wegen aufgeklärt: Die Allmacht von Mythen

Dass Mythen zum düsteren Mittelalter gehören und nicht mehr in unsere vermeintlich aufgeklärte Zeit ist schlicht eine Mär: Unsere aktuelle komplexe Welt bietet fruchtbaren Boden für Mythen jedweder Art. Denn sie erklären die Welt mit so schön schlichten, Wahrheit verheißenden Mustern und entlasten so unseren Denkapparat, ja uns insgesamt.

Eigentlich prima, nur leider bieten Mythen nicht nur alles andere als Wahrheit, sondern in ihrer betörenden Einfachheit entpuppen sie sich bei genauerem Blick als Märchen und Sagen oder gar als Lügengeschichten, wie das Lexikon für Psychologie und Pädagogik festhält. Wer aufklären möchte, wer sich auf die starke Kraft des guten Arguments und der Selbstreflexion beruft, kann mit Mythen folglich nichts anfangen – gelinde gesagt.

Und trotzdem bleibt uns oft nichts anderes übrig als sie zu akzeptieren. Auch in der vermeintlich so zweckrationalen Welt der Organisationen mit ihren Prozessen, Workflows und Regeln. Zum Beispiel ist die unendlich hohe Bedeutung von Zahlen so ein Mythos, der in die DNA von Unternehmen eingebrannt ist. Er lautet: Zahlen erklären uns die Realität perfekt, unwiderruflich und ungeschminkt. Je mehr Zahlen, umso besser. Dabei bieten sie uns nur eine begrenzte Sicht, messen sie doch nur das, was wir auserkoren haben und alles eigentlich nur Vergangenes. Wirklichkeit ist aber ungleich bunter und ihre Komplexität lässt sich nicht in Zahlen gießen.

Oder denken wir an den Mythos von der Planbarkeit der Zukunft mit ihren Drei-, Fünf- und Zehn-Jahresplänen. Alles im Griff mit dem richtigen Plan, der uns den Weg leitet? Nicht ins Bild passt aber, wie sehr unsere Welt auf Kontingenz aufbaut und wie wenig wir in diesem irrsinnigen Tempo der Wirtschaftswelt überhaupt noch auf sicherem Terrain spielen.

Wieso sich Mythen halten, obwohl sie unsere Realität verfälschen und uns unsere Erfahrungen eigentlich anderes lehren? Das genau ist die Kunst und Stärke von Mythen. Sie sind kaum zu brechen – weder mit einem gesunden Menschenverstand noch mit Heuristik. Vielleicht sind es zwei Punkte, die dbei eine Rolle spielen. Da wäre der Faktor Macht, der sich hervorragend mit Mythen versteht, um sich selbst zu erhalten. Denn natürlich gibt es Akteure, die von Mythen profitieren, und meist können sie diese aufgrund ihrer Stellung in der Hierarchie genügend bedienen.

Ein zweiter Einwurf, den Sie alle zur Genüge kennen: In welchen Organisationen wird wirklich offen und quer nachgedacht, fliegt der Geist frei. Eher selten und das ist gut für die Mythen, die ungeschoren davonkommen. Es ist eine Binsenweisheit, aber deshalb nicht falsch, dass unsere Systeme zuerst und vor allem auf Selbsterhaltung bedacht sind. Das schließt Mythen explizit ein, helfen sie doch, das System über ihre Erzählungen stabil zu halten. Und aufbrechen tun Systeme erst, wenn sich dessen externen Rahmenbedingungen verändern. Ob das die Mythen wegspült oder gar noch stabilisiert, steht auf einem anderen Blatt.